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Bedürfnis Mittelschicht

Spätestens seit Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ hat sich herumgesprochen, dass sich mit den Ressentiments und Abstiegsängsten der Deutschen so manches Buch verkaufen lässt. Mit „Prolokratie“ und „Die Asozialen“ liefern Christian Ortner und Walter Wüllenweber der maulenden Mittelschicht eine politische Programmatik. Eine Genrebetrachtung.

(KONKRET, Februar 2013)

 

Schrumpft sie oder schrumpft sie nicht? Seit Dezember des vergangenen Jahres streiten zwei seltene Gegner miteinander. Die Bertelsmann-Stiftung (BS) will nämlich herausgefunden haben, dass die Mittelschicht in Deutschland erodiert. Seit 1997 seien 5,5 Millionen in die Unterschicht abgesunken beziehungsweise aufgestiegen, der Anteil an der Gesamtbevölkerung von 65 auf 58 Prozent zurückgegangen. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist das grundlose Panikmache, in Wirklichkeit sei die Situation stabil und die Mitte groß und kräftig wie ehemals. Kein großes soziologisches Institut versäumte daraufhin, sich zu dieser Frage zu äußern, und von Philipp Rösler bis zu Frank Bsirske, von der Welt bis zur Süddeutschen, alle machen sich Sorgen um die Mittelschicht.
Um wen geht es da eigentlich? Die soziale Position hängt, das ist klar, mit dem Einkommen zusammen. Die Grenze zwischen Oben, Mitte und Unten ziehen die Soziologen willkürlich. Für die Bertelsmann-Autoren beispielsweise gehört zur Mittelschicht, wer zwischen 70 und 150 Prozent des Medians der Einkommen verdient. Vor drei Jahren lag dieser Wert für einen Alleinstehenden bei 1600 Euro im Monat. Anders gesagt: 1100 monatlich sind genug, um der Unterschicht entronnen zu sein, und ab 2400 fängt die Oberschicht an! Wem das abstrus vorkommt, sei gesagt, dass die KAS durch eine noch großzügigere Definition zu dem Ergebnis kommt, die Mittelschicht in Deutschland werde nicht kleiner. Über Lebenslage, gesellschaftliche Rolle oder Status ist mit dieser Definition nichts gesagt.
In der Bertelsmann-Studie wird nebenbei erwähnt, dass die „mittleren Vermögensgruppen“ zwischen 1995 und 2010 sechs Prozent am Gesamtvermögen verloren haben, eine gewaltige Umverteilung. Stärker noch als die tatsächlich Verarmung ist die gefühlte: Angeblich hat jeder vierte in dieser Einkommensgruppe Angst vor dem sozialen Abstieg. Das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht seit langem von einer grassierenden „Statuspanik“.
Dennoch gehören laut KAS / BS – Definition immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung zur „Mitte“. Weil es aber so schrecklich viele Rechtsanwälte und Ärzte nicht gibt, gehören dazu notwendigerweise jede Menge Lohnabhängige. Was haben sie gemeinsam, was macht diese „Schicht“ aus? Orientiert man sich, wie BS oder KAS es tun, lediglich an Einkommen und Ausbildung, gehören zu dieser breiten Masse die kleinen Rentiers ebenso wie die Angestellten, die Fabrikarbeiter wie die Ladenbesitzer. Lenin sprach noch von den „Zwischenschichten“ zwischen Kapital und Arbeit, weder gründlich proletarisiert, noch im Besitz von (nennenswerten) Produktionsmittel, politisch weder Fisch, noch Fleisch. Heute sind viele Angehörige des „Mittelstands“ objektiv proletarisiert. Von der „Unterschicht“ trennt sie ihre Arbeitsstelle und Arbeitsfähigkeit, möglicherweise ihr Tagesgeldkonto und eine Immobilie. Haben sie etwas gemeinsam außer dem begreiflichen Wunsch, nicht zum Pöbel gezählt zu werden?
Deshalb landet jeder Versuch, die Mitte zu verstehen, unvermeidlich bei der Kultur. Mittelschicht ist Bedürfnis. Seit einigen Jahren formulieren Autoren wie Norbert Bolz oder Peter Sloterdijk entsprechende programmatische Schriften. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ etablierte 2010 dann endgültig das Genre des Mittelschichts-Lamento. Nun sind zwei neue Exemplare dieser Gattung erschienen: „Die Asozialen“ und „Prolokratie“. Als Selbstbezeichnung steht „Mittelschicht“ in diesem Genre für die Abgrenzung nach unten. Man fühlt sich in der Klemme zwischen oben und unten, als Leidtragende der Krise und die eigentliche ausgebeutete Bevölkerungsgruppe, ausgebeutet nämlich durch die Einkommenssteuer.

Christian Ortner, ein österreichischer Journalist, behauptet in seinem Pamphlet „Prolokratie“ mit deutlich kulturpessimistischer Note, die unteren Schichten seien zur Demokratie nicht in der Lage, wofür er vor allem hemmungslosen Fernsehkonsum verantwortlich macht. Das „demokratische Betriebssystem“ (1) habe den „Konfigurationsfehler“, dass in der Krise die Überzähligen in der Überzahl sind: es gibt einfach zu viele, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Aus diesem Grund „machen Regierungen Schulden, um die Wähler mit immer neuen sozialen Wohltaten zu bestechen.“ Die Armen haben die Macht übernommen, und deshalb fordert Ortner unter anderem mit Friedrich August von Hayek, man müsse den Empfänger von Sozialleistungen das Wahlrecht entziehen.
Dabei ist Christian Ortners Stil geeignet, so manchen Gymnasiallehrer sardonisch zum Grinsen zu bringen. „Eine schon etwas unansehnliche Gunstgewerblerin am Strich kurz Dienstschluss“, heißt es da beispielsweise, „eher geringer intellektueller Belastbarkeit“ oder „zur Selbstinfantilisierung neigend“. Ortner hält das für Polemik, in Wirklichkeit ist es nur hochtrabender rhetorischer Slapstick – Lacher garantiert, solange die Torte mitten im Gesicht des Prolls landet. Während „Prolokratie“, bei einem Kleinverlag veröffentlicht, eine randständig ist, landete Walter Wüllenweber mit „Die Asozialen“ einen Verkaufsschlager. Das Buch wurde in den großen Zeitungen breit und wohlwollend besprochen. Wüllenweber arbeitet seit 1995 für den Stern. Wie von einem journalistischen Routinier zu erwarten ist „Die Asozialen“ rhetorisch und argumentativ geschickt geschrieben. Wüllenwebers Ansicht nach hat der Sozialstaat die Armut und gesundheitsgefährdende Arbeit abgeschafft. Was der Unterschicht fehlt, sei nicht Geld, sondern Bildung und Ehrgeiz, der Unterschied zur Mittelschicht lediglich ein kultureller.
Zu dieser Schicht zählt der Autor alle vom hart arbeitenden Manager bis zur redlichen Reinigungskraft. Sie sei „die wertschöpfende Leistungselite der Volkswirtschaft“, die Superreichen dagegen nur eine „Geldelite“, die parasitär „von leistungslosen Profit aus Kapitalgeschäften“ lebt. Seine Pointe: die oben und die unten sind gleichermaßen asozial. Damit löst er freilich den Begriff Mittelschicht vom letzten objektiven Kriterium (des Einkommens) und grenzt nicht die (ganz) Armen und die (ganz) Reichen aus, sondern alle „Nicht-Arbeiter“.
Wüllenweber verschwörungstheoretisches Schema erfordert, dass die beiden Opponenten dieser „Mittelschicht“ der Regierung irgendwie ihren Willen aufnötigen können. Wie bringt die Unterschicht das zustande? Laut Autor mittels der Wohlfahrtsorganisationen, die ihrerseits kein Interesse daran haben, die Leute mit dem richtigen Fordern und Fördern aus der Armut zu heben. Der „Finanzindustrie“ entspräche die „Hilfsindustrie“. Der sogenannte soziale Sektor hat Kritik verdient, aber sollen wir im Ernst glauben, dass die Caritas sich die Sozialgesetzgebung schreibt wie die Banken ihre Regulierung?
Leser dieser Literaturgattung lieben es, ihre Ressentiments möglichst objektiv bestätigt zu bekommen. Wie schon Thilo Sarrazin bedienen beide Autoren diese Nachfrage mit einer Unzahl von dem, was die Amerikaner factoids nennen – Zahlenmaterial, Statistiken und Tatsachen ohne Zusammenhang, Sinn oder Verstand. Aber diese „unabweisbaren Fakten“ wären nichts nicht ohne die „Sozialreportage“ aus den subproletarischen Milieus, die angeekelt-fassungslose Beschreibung der „Jessicas und Kevins“ (Ortner), die „die Kontrolle verloren haben über die Erziehung ihrer Kinder, über ihr Geld, ihre Zeit, ihre Gesundheit, ihre Wohnungen, ihre Sexualität“ (Wüllenweber),

Schrumpft sie nun oder schrumpft sie nicht? Um Himmels Willen, Deutschland braucht seine Mittelschicht wie der Arbeiter das Bier zum Feierabend. Und die Hand auf der Schulter des Sohnes beim Betrachten des Kontoauszugs, dies alles habe ich geschaffen mit meiner Hände Arbeit, meiner Verstandesleistung und eisernen Disziplin. Ach, das Land blühte, gäbe es nur jene goldene deutsche Mitte zwischen den korrupten Reichen und den verdorbenen Armen, das Salz der Erde zwischen Boden- und Hiddensee, Garant politischer Stabilität, und dies trotz des nur zu berechtigten Hasses auf alle, denen es besser oder schlechter geht.
Zu diesem Habitus liefern „Prolokratie“ und „Die Asozialen“ eine politische Programmatik. Beunruhigend, dass sich für so etwas eine riesige und weiter wachsende Leserschaft findet. Christian Ortner hat ja auf verquere Art recht, Deflation und parlamentarische Demokratie passen nicht zusammen. Aber die selbsternannte Mittelschicht mault bisher bloß und legt sich Schund wie diesen unter den Weihnachtsbaum. Wenn sie sich das nicht mehr leisten kann, wird es richtig ungemütlich werden.

(1) Die offenbar selbst erdachte, aber letztlich rätselhaft bleibende Metapher vom „demokratischen Betriebssystem“ benutzt Ortner übrigens insgesamt vier Mal, und zwar auf den Seiten 9, 31, 61 und 84 – dies als Beleg, dass ich mir das karge Schmerzensgeld für diese Rezension hart erarbeitet habe.

Walter Wüllenweber (2012) Die Asozialen: Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert. München: DVA Sachbuch.

Christian Ortner (2012) Prolokratie: Demokratisch in die Pleite. Wien: Edition A.

 

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