Home

Texte

Kommentar

Rezensionen

Radio

Schublade

Blog

Bilder

Links

 

Kontakt

 

 

 

 

 

Manager der eigenen Psyche
Christoph Bartmann analysiert das Leben im Büro und die bürokratische Lebensform als einen inneren Widerspruch, an dem die Angestellten zerbrechen.

(Konkret, September 2012)


"Die notwendige Kürzung der staatlichen Ausgaben erfordert eine radikale Modernisierung … Wir werden nicht zögern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuführen … Innerhalb des öffentlichen Sektors muß es darum gehen, Bürokratie auf allen Ebenen abzubauen, Leistungsziele zu formulieren, die Qualität rigoros zu überwachen und schlechte Leistungen auszumerzen." 1999 war das, als Gerhard Schröder und Tony Blair der staatlichen Verwaltung den Krieg erklärten. Für seine Untersuchung der »schönen neuen Welt der Angestellten« hat Christoph Bartmann, der das New Yorker Goethe-Institut leitet, das Schröder-Blair-Papier noch einmal hervorgekramt. Das Manifest kann als Beispiel für neoliberale Bürokratiekritik überhaupt stehen: einschüchternd, apodiktisch und, wie Bartmann detailliert zeigt, paradox.
Denn bis heute haben die neoliberalen Verwaltungsreformen etwas Tragisches. Dem New Public Management (wenigstens in seiner popularisierten Form) gilt das Bürokratische als rigide, unflexibel, »verkrustet«. Man bekämpft es entschlossen und selbstredend bürokratisch, wie auch sonst – mit größeren Dokumentationspflichten, mit neuen Kontrollformen wie der externen Evaluation und kleinteiligen Kennzahlen und Zielvorgaben. Aus einem geradezu pathologischen Mißtrauen heraus unterwirft man die Mitarbeiter bis ins mittlere Management einem aufwendigen Kontrollregime. Es handelt sich sozusagen um einen Kampf der Bürokratie gegen sich selbst. Kennzeichnen dieser "staatlichen Entstaatlichung" (Bartmann) sind immer neue Umstrukturierungen und neue Sprechweisen. Die Bürokratiekritik von oben scheut den Stillstand wie den Tod und setzt auf change, auf eine permanente organisatorische Revolution, während die Behörden in Agenturen umgetauft und in der Leitungsebene englische Managementphrasen im Mund geführt werden.
Eine solche Mischung muß zu Zynismus führen. Niemanden kann überraschen, daß immer neue Strukturreformen – bei der Telekom gab es seit dem Börsengang im Jahr 1996 angeblich 20 davon! – die Beschäftigten irgendwann eher abstumpfen lassen, als sie zu mobilisieren. »Ich praktiziere den Katechismus des New Public Management, ohne zu glauben«, schreibt der Angestellte Bartmann und fragt sich sogleich, sozusagen protestantisch, ob er sich damit einer Sünde schuldig macht. Charakteristisch ist weiterhin die Psychologisierung der (Büro-)Arbeit: die Befindlichkeit der Mitarbeiter soll über den Erfolg entscheiden. Managementrhetorik und positive Psychologie verschmelzen; "der Manager ist zum Psychologen geworden und der Psychologe Manager".
Diese historische Entwicklung beschreibt Bartmann nebenbei. Ihn interessiert vor allem, wie die Angestellten in dieser Konstellation klarkommen. Wer Menschen in paradoxe Situationen zwingt, macht sie krank. Aber, so Bartmann, auch die Angestellten haben das Ethos der niemals endenden Optimierungsbemühung verinnerlicht; auch für sie selbst ist gut niemals gut genug. So werden sie zu Managern ihrer eigenen Psyche.
Die diversen Methoden, Büro und Restleben in Einklang zu bringen, seien Teil des Problems, nicht der Lösung. Die angebliche Balance aus Arbeit und Leben entpuppt sich als Unterordnung des Lebens unter die Lohnarbeit, als Zweckbindung jeder Lebensäußerung: Musik hören, spazierengehen – alles dient der Regeneration und Reproduktion der Arbeitskraft. Aus dieser Konstellation erklärt sich, warum so viel über »Burnout« und Depression geredet wird. Durch mehr »Achtsamkeit«, also ein ressourcenschonendes Verhältnis zu sich selbst, sollen die Menschen neue Kraft schöpfen, um gleich wieder ins Hamsterrad zu steigen. Materialistischer als der Autor ließe sich sagen: Burn-out und Depression sind Formen, in denen sich über Leiden und Erschöpfung reden läßt, ohne an die Vereinzelung zu rühren. Sie als Krankheiten aufzufassen ermöglicht, sie arbeitsteilig und kommerziell zu behandeln.
All das und noch einiges mehr erläutert Christoph Bartmann. Sein Buch ist außerdem eine lebendige Schilderung dessen, was er selbst im Büro erlebt und erlitten hat. Er schreibt ein schönes und unaufgeregtes Deutsch, im Ton vornehm zurückhaltend, in der Sache abwägend. Die Literatur, die er anführt, hat er tatsächlich durchdrungen. Dadurch hebt sich "Leben im Büro" wohltuend ab von den Büchern über die neue deutsche Arbeitswirklichkeit von Miriam Meckel und Frank Schirrmacher bis zu Holm Friebe und Sascha Lobo, die ihre eine steile These anhand möglichst drastischer Bei-spiele erbarmungslos durchknüppeln.
In einem allerdings unterscheidet sich Bartmanns Buch nicht. Auch in Leben im Büro bleibt die Angst vor dem sozialen Abstieg namens Hartz IV, die Verachtung für die Verlierer und der Neid auf die Gewinner unerwähnt. Seine Büroangestellten verspüren ein nur diffuses Unbehagen. Sie leiden weniger unter dem brüllenden Chef als unter dem palavernden Coach; der Befehl wurde durch die Zielvereinbarung ersetzt, die Disziplinierung durch die Selbstkontrolle. Nennen wir es Entfremdung (Hilfsausdruck).
Trotz dieser ziemlich einseitigen Beschreibung kann man, mit etwas intellektueller Courage, Bartmanns Buch als aufschlußreiche historische Quelle über die Krise der Arbeitskraft lesen. Die Geschichte der Arbeitssoziologie zeigt, wie der "menschliche Faktor" seit seiner Entdeckung in den 1920er Jahren zunehmend problematisch wurde. Immer neue Formen und Mischverhältnisse von Belohnung und Strafe haben den Einsatz der Arbeitskraft optimiert. Bartmanns Beschreibung wirkt, als sei dieser Prozeß nun an sein Ende oder wenigstens einen Wendepunkt gekommen. "Ziel, Optimierung, Strategie, Kommunikation, Change, Qualität. Nachhaltigkeit, Netzwerke, Instrumente, Projekt, Steuerung, Performance, Standards, Evaluation" seien "nur noch Attrappen", schreibt der Autor, die Rhetorik sei ein Bluff, den alle durchschauen, während sie ihn weiter betreiben. Das tiefe Mißtrauen gegen die anderen und gegen sich selbst entspricht akkurat einer historischen Situation, in der die Produktion nur durch immer neue (Formen der) Verschuldung aufrechterhalten wird.

 

Christoph Bartmann: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten. Hanser, München 2012. 320 Seiten.

 

Mehr Rezensionen